Tsagaan Sar
Weisser Mond und Monat
Noch bis 1921 galt in der Mongolei der asiatische Tierkreiskalender als offizielle Zeitrechnung. Auch heute noch wird in einer Reihe asiatischer Länder wie Japan, China, Vietnam und Indien das Mondneujahrsfest ausgiebig gefeiert.

Je nach Stand des Mondes fällt der Jahresbeginn in die Zeit zwischen Ende Januar und Anfang März. Alle 12 Jahre wechselt ein Tierkreiszeichen das andere ab, alle zwei Jahre wechselt die Farbe, der jeweils eines der fünf Elemente zugeordnet ist: Holz –blau, Wasser – schwarz, Metall – weiß, Erde – gelb, Feuer – rot. Alle geraden Jahre sind hart oder männlich, alle ungeraden weich oder weiblich, so dass sich insgesamt 60-Jahre-Zyklen ergeben.

Während in China bereits am 23. Januar das Jahr des Affen begrüßt wurde, gibt es in der Mongolei Jahr für Jahr Auseinandersetzungen um das korrekte Datum.
In diesem Jahr einigten sich Regierung, Astrologen und lamaistischer Klerus auf den 21. Februar als Beginn des Männlichen Hölzernen Blauen Affenjahres, es löst das Jahr des Schwarzen Wasserpferdes ab.
Tsagaan Sar - Weißer Monat oder Weißer Mond - ist seit der politischen Wende Anfang der 90-er Jahre wieder ein offizieller Feiertag in der Mongolei. Die Farbe weiß verbinden die Mongolen seit alters her nicht nur mit Reinheit, vor allem ist sie das Symbol für Milch – eines Hauptnahrungsmittel der zentralasiatischen Nomaden.

Der Tag vor Beginn des ersten Frühlingsmonats im neuen Jahr (Bituun Oroi) ist eher mit unserem Heiligen Abend denn mit Silvester zu vergleichen. Jede Familie hat für diesen Tag ihre eigenen Riten entwickelt. Alle jedoch sollten neue Kleidung tragen, die Wohnung muss gründlich sauber sein, ausstehende Schulden sollten beglichen und Unstimmigkeiten mit anderen Menschen beigelegt werden. Wichtig auch, die Vorräte an Nahrungsmitteln und Heizmaterial aufzufüllen. Mit der Zubereitung riesiger Mengen an Buuz und Bansh (gefüllte Teigtaschen) wurde bereits vor dem Fest begonnen. Sie versprechen immer ausreichend Nahrung für das kommende Jahr. Kinder, Enkel, Urenkel und andere Verwandte versammeln sich im Heim des ältesten. Es wird gegessen, getrunken und geplaudert. Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, gehen besonders traditionsbewusste Mongolen in ihre „Unglücksrichtungen" und kehren auf dem Wege ihrer „Glücksrichtungen" nach Hause zurück. Diese hängen vom Jahr der Geburt und vielen damit verbundenen Besonderheiten ab. Die Lamas haben Hochkonjunktur, ihren Landsleuten die richtigen Verhaltensregeln für alle Eventualitäten des Lebens mit auf den Weg zu geben.

Die Vorbereitungen auf das Fest ähneln unserem Weihnachtstrubel. Lange Schlangen vor den Kassen in Supermärkten, in größeren und kleineren Geschäften, mit schweren Taschen bepackte Frauen, Männer und Kinder. Hammelrücken, Buuze, gesalzener Milchreis mit Rosinen, gekochte Fleischstreifen, große runde Schichtkuchen (Ul Boov), Milchtee und der mongolische Wodka, Arkhi, dürfen auf keiner Festtafel fehlen. Die Ui boov werden aus kheviin boov - das sind längliche, abgerundete, wie eine Sohle geformte Mürbeteigstücke – zu einem Gebilde aufgeschichtet, das an ein Mandala erinnert.

Es muss immer eine ungerade Zahl an Schichten entstehen. Abhängig von der Größe des Untertellers können fünf oder sechs Mürbeteigstücke eine Schicht bilden. Die oberste wird mit Süßigkeiten, getrockneten Käsestückchen, Sahne- und Butterklümpchen belegt. Die Anzahl der Schichten ist abhängig von der Stellung und dem Alter des Haushaltsvorstandes. Neun Schichten erinnern an die 99 Himmel und die neun Kostbarkeiten. Sie sind offiziellen Staats- oder religiösen Zeremonien vorbehalten. In den Haushalten sehr alter Menschen werden sieben Etagen aufgeschichtet, dann fünf. In jungen Familien finden sich meist dreischichtige Teigplatten.

Mongolen, die längere Zeit in Europa gelebt haben, ergänzen ihren Festtagsschmaus durch selbstgebackene Obst-, Schokoladen- und Marzipantorten, die anderen kaufen farbenprächtig verzierte Biskuittorten.
Das Wichtigste auf jeder Festtagstafel ist jedoch der Hammelrücken mit Fettschwanz (Uuts) oder eine Rinderbrust (övchüü). Nach Möglichkeit besuchen die jüngeren Verwandten die älteren und erweisen ihnen den nötigen Respekt. Diese Begrüßungszeremonien folgen einem ausgeklügelten Ritual: Ein weißer oder himmelblauer Seidenschal wird kunstvoll über beide Unterarme gelegt, die Handflächen des jüngeren zeigen nach oben. So werden Geschenke überreicht und entgegengenommen. Zwischen Eheleuten ist diese Zeremonie (Zolgokh) allerdings tabu, da sie als ein Wesen gelten.

Die Gäste kommen und gehen während des ganzen Neujahrstages, oft bis in die Nacht hinein. Es wird nicht nur reichlich gegessen und getrunken, sondern auch gesungen. Ist „Tsagaan Sar" in der Stadt ein Fest wie bei uns Weihnachten, leitet das Neujahrsfest auf dem Land eine Zeit intensiver Arbeit ein: Die Geburt der Jungtiere steht bevor. Und leider richtet sich auch in der Mongolei die Natur nicht nach dem Kalender. Es kann noch empfindlich kalt sein, wenn die Lämmer, Kälber, Fohlen, Zicklein und Kameljungen geboren werden. Verspätete Geburten bergen zudem die Gefahr, dass die Tiere in der günstigen, weil warmen und futterreichen Jahreszeit, dem Sommer, nicht genügend an Gewicht zulegen können und so für den nächsten langen und kalten Winter nicht ausreichend „gerüstet" sind. In Stadt und Land gehören jedoch der Segen eines Lamas – wiewohl das Fest kein ursprünglich lamaistisches ist, Ringkämpfe, Dichter- und Sängerwettbewerbe zu Tsagaan Sar wie Federgräser zur Steppe.

Das Fest des „Weißen Mondes“ wird entsprechend des Mondkalenders begangen und gilt den Mongolen als offizielles Neujahrsfest. Es zeigt das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings an. Tsagaan Sar ist ein ausgiebig gefeiertes Fest – die Zeit in der man die Familie und Freunde besucht. Traditionell wird am ersten Tag eine spirituelle Stätte aufgesucht, an der man den Naturgottheiten Danksagungen darbringt und Geschenke opfert. Anschließend beginnt das Fest.

Familien besuchen zuerst ihre ältesten Angehörigen. Blaue Seidenschals werden zur formellen Begrüßung überbracht; und es werden Geschenke, meist Süßigkeiten und neuerdings Geld ausgetauscht. Jedes Familienmitglied, vom ältesten bis zum Jüngsten, wird besucht, danach Anverwandte und Freunde. Dieser Prozess zieht sich häufig über mehrere Wochen hin, insbesondere auf dem Land, wo längere Entfernungen zu überwinden sind und Autos nicht immer zur Verfügung stehen.

Die Feierlichkeiten sind ein endloses Ess- und Trinkgelage. Buuz, gefüllte Teigtaschen, stehen ständig auf dem Feuer und werden jedem Neuankömmling frisch serviert. Das fetteste Schaf wird geschlachtet und der Rücken mit dem Fettschwanz ziert die Festtafel jeder Familie. Jeder muss mindestens einmal vom Fleisch und Fett des Schafes kosten. Außerdem fließt der Wodka, es wird auf Glück und Reichtum im Neuen Jahr angestoßen, und natürlich ist das eine gute Gelegenheit miteinander zu singen.

Zu Zeiten Tschingis-Khans im Herbst gefeiert, um einen milden Winter zu erbitten, wurde Tsagaan Sar später, ähnlich wie in anderen asiatischen Ländern, im Januar bzw. Februar in Abhängigkeit vom Mond gefeiert. In den Jahren zwischen 1924 und 1990 wurde Tsagaan Sar als "Tag der Viehzüchter" begangen. Erst seit 1990 ist er in der Mongolei wieder ein offizieller Feiertag. ähnlich wie unser Weihnachtsfest hat der Feiertag heute für viele, zumindest Städter, seinen ursprünglichen Sinn verloren. Es wird viel gegessen, viel getrunken und es werden Geschenke übergeben.

Der obligatorische Besuch der Kinder bei ihren Eltern und älteren Verwandten wird nicht selten aus Vernunftsgründen auf eine günstigere Jahreszeit verschoben. "Meine Eltern leben im Uvs-Aimak. Sie haben mir geschrieben, komme jetzt lieber nicht, es liegt hoher Schnee, es gibt kaum ein Durchkommen...", erwidert die junge Enkhtsetseg auf die entsprechende Frage. Aber natürlich werden die meisten Mongolen den alten Sitten folgen, neue Deels anziehen, die Eltern besuchen, Geschenke überreichen und Unmengen von Buuz (gedünstete, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) zubereiten und verspeisen.

Der zweite große Feiertag ist das buddhistische Neujahr, welches in der Mongolei Tsagaan Sar heißt (Цагаан Сар = Weißer Mond). Der Termin ist normalerweise Anfang Februar, kann aber um einige Wochen schwanken und fällt meistens nicht mit dem chinesischen Neujahrsfest zusammen. An diesem Tag besuchen die Mongolen alle ihre Freunde und Verwandten und überbringen Geschenke. Auf der Festtafel finden sich Spezialitäten wie geschmorter Schafsrücken und ein Turm aus „Sohlenkuchen“ und anderen Süssigkeiten.


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