Ungern-Sternberg - Der blutige Baron und sein Reich in der Mongolei -
Unter all den grausamen und perversen Gestalten, die der russische Bürgerkrieg in nicht geringer Zahl hervorbrachte, nimmt Baron Ungern-Sternberg sicher eine finstere Spitzenposition ein. In Europa erreichte er unter den Bezeichnungen der "blutige" oder der "verrückte Baron" eine gewisse Berühmtheit, in der Mongolei hielten ihn dagegen viele für den "Wiedergeborenen Kriegsgott" oder den "Wiedergeborenen Dschingis Khan". Seiner eigenen Erzählung nach, bei der die Fakten sicher stark von Legenden überwuchert wurden, entstammte die Familie Ungern von Sternberg einer Mischung aus Deutschen, Ungarn und Hunnen. Da sich der Besitz der Ungern-Sternberg hauptsächlich in Lettland und Estland befunden hatte, waren sie dann russische Untertanen geworden.

Sein Enkel Roman Feodorovich diente dann in Sibirien als zaristischer Offizier, wurde aber schließlich wegen mehrerer Duelle und wiederholter Disziplinlosigkeit aus der Armee ausgeschlossen. 1912 hatte er die Mongolen in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen China unterstützt. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er dann wieder in die russische Armee aufgenommen worden und hatte wegen seiner Tapferkeit schnell Karriere gemacht. Im Bürgerkrieg schloss er sich dann den weißen Truppen unter Koltschak an. Allerdings diente er dort in den Einheiten des Kosaken-Warlords Semjonov, die weitab der Front im östlichen Sibirien auf unbeschreibliche Weise hausten. Ihr Kampf gegen die Bolschewiken bestand vor allem darin, dass sie ungehemmt die Bevölkerung beraubten, zahllose "Verdächtige" ermordeten, Versorgungsgüter der Alliierten unterschlugen und die Flüchtlinge in der transsibirischen Eisenbahn ausplünderten.
Nachdem Koltschak im Januar 1920 von der Tschechischen Legion, die sich damit ihren freien Abzug erkaufte, an die Rote Armee ausgeliefert worden war, versuchten sich viele der überlebenden in die Mongolei durchzuschlagen. Manchmal waren es Offiziere mit den Resten von ehemaligen Regimentern, oft aber einzelne oder kleine Gruppen, die sich nun neu formatierten. In Turkestan im Westen etablierte sich Ataman Annenkov mit seinen Orenburg-Kosaken, bei Chiguchack General Bakich und im Altai Colonel Kaigarodov. Die stärkste Gruppe stand jedoch unter dem Kommando Ungern-Sternbergs, der zudem auf starke Unterstützung der Mongolen zählen konnte.

Ungern-Sternberg hätte sich mit seinen Kosaken und seinen zusammen geraubten Schätzen wie viele andere auch weiter nach Zentralasien oder China durchschlagen können. Er plante jedoch größeres. Zuerst wollte er mit den geflohenen Russen und den Mongolen, die chinesischen Besatzungstruppen aus der Mongolei vertreiben, dann die Bolschewiken in Sibirien vernichten und aus der Mongolei, Transbaikalien und der Mandschurei ein asiatische Reich schaffen, von dem er wie Dschingis Khan gegen Europa vorstoßen wollte. Man kann wohl davon ausgehen, dass der "verrückte Baron" spätestens hier jeden Bezug zur Realität verloren hatte. Um so erstaunlicher ist es, dass es ihm 1921 mit einer winzigen Armee aus Russen, einigen freiwilligen und noch mehr gepressten Mongolen, Burjäten und Tibetern tatsächlich gelang, sich für einige Monate zum Herrn der Mongolei zu machen.

Von ihren Strapazen während der Flucht, der unglaublichen Härte und der Grausamkeit der Kämpfe in der eisigen Steppe berichtet ein gewisser Dimitri, der das meiste aus allernächster Nähe miterlebt hatte. In dieser Zeit der Wirren, hörten er auch immer mehr vom verrückten Baron, der Ende Oktober 1920 vergeblich versucht hatte Urga zu stürmen. Von der weit überlegenen chinesischen Garnison abgeschlagen, hatte er am Kerulen ein Winterlager bezogen und sammelte nun neue Kräfte. Aber auch unter Dimitris abgebrühten Kameraden galt Ungern-Sternberg als perverser Sadist. So hatte er bei seinem überstürzten Rückzug von Urga die Schwerverwundeten einfach vergiften lassen, da sie seinen Marsch behinderten. Geradezu besessen suchte er ständig unter seinen eigenen Truppen nach "Verrätern", die er oft zu seinem persönlichen Vergnügen zu Tode foltern ließ.

In der Armee, die der Baron am Kerulen sammelte galt folgende Rangordnung: An erster Stelle stand das mongolische Regiment, das seine Leibwache bildete und sich bei Unterkunft und Verpflegung zahlreicher Privilegien erfreute. Danach kamen die Burjäten und die Tartaren. Diesen folgte ein japanisches Korps. Erst dann folgten die Regimenter aus gepressten Mongolen und die aus russischen Zivilisten, die allgemein sehr verachtet wurden. Aber ganz am anderen Ende rangierten die Weißrussen und Kosaken. Sie waren "dreckig, zynisch und grausam" und das eigentliche Rückgrat der ganzen Armee. Dennoch richtete sich der Hass des Barons vorwiegend gegen sie. Fast alle waren ehemalige Offiziere der zaristischen Armee, die ihn einst ausgestoßen hatte, und das ließ er sie bei jeder Gelegenheit spüren. Immer wieder ließ er einzelne als Verräter hinrichten, oder verteilte großzügige Prügelstrafen. Wie wenig ihm das Schicksal seiner Soldaten bedeutete, wird besonders durch einen Vorfall unterstrichen. Als sich aufgrund der schlechten Versorgung die Krankheitsfälle wegen Skorbut häuften, befahl er dem leitenden Arzt einfach alle Kranken im Lazarett zu vergiften, was dieser auch ohne Zögern tat. Danach gab es keine Krankmeldungen mehr. Die Soldaten zogen es vor, in ihren Jurten zu sterben.

Ende Januar 1921 begann der Baron einen neuen Angriff auf Urga vorzubereiten. Von militärischen Planungen oder Strategie hielt er allerdings absolut nichts. Stattdessen befragte er die zahlreichen mongolischen Schamanen und Lamas in seinem Gefolge, die mit Hilfe verkohlter Schulterknochen von Schafen die Zukunft voraussagten. Als diese nun einen günstigen Termin gefunden hatten, befahl er vor dem Abmarsch eine abschließende Musterung. Erkennbar Kranke und Juden wurden dabei sofort erschossen. Verdächtige "Rote" entlarvte der Baron selbst.
Mehrere Tage zog diese Truppe verzweifelter Männer durch Schneestürme und grausame Kälte über das Hochplateau nach Urga. Trotz der feindlichen übermacht wollten sie kämpfen, allerdings nicht für hohe Ziele, sondern für Essen, Kleidung, warme Unterkünfte und Beute. Zudem hatte ihnen der Baron versprochen, dass sie nach einem Sieg drei Tage ungestört plündern dürften. Nachdem kurz vor der Stadt die Lamas noch einmal ausgiebig ihre Orakel befragt hatten, begann der Angriff. Die Schlacht um Urga dauerte mehrere Tage. Gleich am Anfang flohen viele Mongolen vor der chinesischen Artillerie und auch mit den russischen Zivilisten war nicht viel zu erreichen. Doch die Veteranen des Bürgerkrieges eroberten zuerst die Vorstädte. Schließlich drangen die Kosaken in die Innenstadt vor und es begann ein blutiger Nahkampf, mit Bajonetten Säbeln und Handgranaten. Schließlich waren die gepressten chinesischen Bauern diesen Wilden nicht mehr gewachsen und versuchten zu fliehen, was allerdings nur wenigen gelang. Diejenigen, die ihren Verfolgern entkamen, verdursteten oder erfroren zu tausenden bei ihrer Flucht nach Süden durch die Gobi. Noch Jahre später war die Straße mit Knochen übersät.

Damit begann das allgemeine Gemetzel. Es folgte ein dreitägiger Alptraum aus Vergewaltigung, Raub und Mord. "Betrunkene Reiter galoppierten durch die Straßen, schossen und töteten aus purem Spaß". Gesteigert wurde diese Gewaltorgie noch, als die russischen Gefangenen aus den Gefängnissen befreit wurden. Halb wahnsinnig vor Hunger und voller Rachegelüste ergossen sie sich in die Straßen. Die Juden wurden durch die Straßen gejagt und zu Tode gequält; auch die chinesischen Händler teilten dieses Schicksal. Viele Frauen wurden brutal vergewaltigt; andere boten sich im Tausch gegen das Leben ihrer Männer oder Söhne freiwillig an und wurden dennoch oft betrogen. Der Baron ließ seine Männer gewähren, wahrscheinlich fühlte er sich nun wirklich wie Dschingis Khan. Erst nach den zugesagten drei Tagen sorgte er mit eiserner Faust wieder für Ruhe.

Kurz darauf wurde eine chinesische Entsatzarmee, die noch nichts vom Fall von Urga erfahren hatte, vernichtend geschlagen. Anscheinend rechnete Ungern-Sternberg nun mit einem größeren Bedarf an Soldaten, denn er ließ nun nur die Offiziere erschießen, während die Mannschaften in seine Armee eingereiht wurden. Einige wenige Monate, nur so lange wie sein sprunghafter kranker Geist es zuließ, kümmerte er sich um den Aufbau seines Reiches. Er ernannte ein Kabinett, ließ Geld drucken, Steuern erheben, und natürlich mongolische Soldaten ausbilden. Dabei schmiedete er Pläne mit anderen weißrussischen Warlords unter General Semenov, die sich ganz im Osten im Amurgebiet unterstützt von den Japanern noch hielten. Zusammen planten sie einen großer Schlag gegen die Bolschewisten.

Am 27. Mai wurde die letzte Musterung abgehalten, dann begann der Marsch nach Norden. Dieses Mal verzichtete der Baron zwar auf größere Säuberungen innerhalb der Truppe, dafür ließ er aber die in Urga bleibenden russischen Zivilisten ermorden, da er keine Zeugen zurücklassen wollte. Wieder gab es keine genaueren Pläne, dafür hatte Ungern-Sternberg ja seine buddhistischen Lamas mit ihren Gebetsmühlen und Orakeln aus Tierknochen, die sie immer häufiger befragen mussten. Auch Truppenstärke hielt er für sekundär, da er der festen überzeugung war, dass sich die russische Bevölkerung bei seinem Erscheinen sofort gegen die Bolschewisten erheben und zu seinen Fahnen eilen würde. Umso erboster war er, als die Russischen Bauern dann voller Panik in die Berge flohen. Im ersten "befreiten" Dorf ließ er deshalb die wenigen Zurückgebliebenen in einer Scheune verbrennen. Nachdem noch einige andere Dörfer erobert worden waren, wurden einige Tage mit der Befragung von Orakeln vertan. Dann rückten die ersten Abteilungen der Roten Armee an. Bald waren Ungern-Sternbergs Truppen umzingelt und gerieten in mörderisches MG-Feuer. Nur durch Erfahrung der alten Veteranen, die auch in verzweifelten Situationen stoisch die Ruhe bewahrten, gelang es auszubrechen und in die Mongolei zu entkommen. Dabei ging jedoch die gesamte schwere Ausrüstung samt der Artillerie verloren. Dimitri kommentiert die Ereignisse so: "Er wurde von einem viel schwächeren Gegner, der nur halb so viel Artillerie und Männer hatte, geschlagen. So wurden die Mysterien der Schafschultern vom gesunden Menschenverstand der Kommunisten besiegt."

In der Mongolei sammelte Baron Verstärkungen von anderen Detachements und neue mongolische Regimenter, und stieß noch einmal nach Russland vor. Wieder wurden ein paar verlassene Dörfer erobert. Schließlich gelang es sogar eine rote Kavallerieabteilung zu schlagen. Die Gefangenen wurden alle erschossen, die Krankenschwestern dagegen der Soldateska übergeben - nicht eine überlebte die Vergewaltigungen. Bald waren jedoch neue Abteilungen der Roten Armee zur Stelle, darunter die gefürchteten sibirischen Scharfschützen. Der Baron entkam unverletzt, und floh zu Pferd zu seinem treuen Burjätenregiment. Als ihn die aber mit einer Salve empfingen, ritt er weiter zu den Mongolen. Doch die ergriffen vor ihm die Flucht. Schließlich überwältigten ihn einige der Tapfersten. Da sie aber nicht wagten ihren wiedergeborenen Kriegsgott zu töten, ließen sie ihn gebunden in Steppe zurück. So fand ihn eine rote Patrouille. Als wichtiger Gefangener wurde er gut behandelt und nach Sibirien gebracht. Dort wurde ihm dann im September 1921 der Prozess gemacht. Kurz darauf wurde er in Nowosibirsk hingerichtet

   
© Frank Westenfelder Originaltext nachzulesen unter http://www.kriegsreisende.de/relikte/ungern-sternberg.htm

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